E-Signatur in der Versicherungsbranche: Wie Helvetia ihre Prozesse digitalisiert

11min · Published on 20. Juli 2026 · Updated on 3. August 2026
David Fürsinger CPO von Skribble
David Fürsinger CPO von Skribble
 

Versicherungsverträge, Policen, Unfallberichte, HR-Dokumente – in der Versicherungsbranche verlangt vieles eine Unterschrift. Und noch immer wandert dafür viel Papier durch Drucker, Couverts und Postwege. Dabei ist die elektronische Signatur längst 100 Prozent rechtsgültig – und ein kleiner Hebel mit grosser Wirkung.

In diesem Webinar zeigt Uğur Demirci, Product Owner eSignature bei der Helvetia – intern «Mr. eSignature» –, wie die Versicherung ihre eSignature-Journey über sieben Jahre aufgebaut hat: Use Case für Use Case, von der ersten fortgeschrittenen Signatur bis zur qualifizierten elektronischen Signatur (QES) und einer eigenen Plattform. Roni Oeschger, Mitgründer und CEO von Skribble, ordnet die Signaturstandards ein, führt live durch die Plattform und rechnet vor, was das für die Helvetia bedeutet.

Das nehmen Sie mit

  • Warum die E-Signatur gleich auf mehrere Branchenthemen gleichzeitig einzahlt – von Effizienz bis Nachhaltigkeit
  • Wann Sie welche Signaturstufe brauchen: einfach, fortgeschritten oder qualifiziert
  • Wie Helvetia Use Case für Use Case skaliert hat – statt Big Bang
  • Welche Herausforderungen und Lessons Learned sieben Jahre eSignature mit sich bringen
  • Was der Umstieg konkret bringt: über eine Million Franken und 310'000 Blatt Papier in zwölf Monaten

Kurz: Die E-Signatur ist einfach einzuführen und wirkt trotzdem stark – wenn man sie Schritt für Schritt in echte End-to-End-Prozesse einbaut.

Vollständiges Transkript

Begrüssung und Vorstellung von Uğur Demirci

Roni Oeschger: Hallo zusammen zu unserem Webinar mit dem Titel «Effizienzbooster im Versicherungsgeschäft: Wie Helvetia mit eSigning ihre Prozesse optimiert». Mein Name ist Roni Oeschger, ich bin einer der Mitgründer und CEO von Skribble. Einige hätten unsere Claudia Dieci erwartet, unsere Head of Revenue – sie ist leider krank geworden, deshalb darf ich spontan einspringen.

Mit mir ist Uğur Demirci von Helvetia. Ich freue mich wahnsinnig, dich hier zu haben. Die Agenda: der Begrüssungs- und Vorstellungsteil, dann spreche ich über E-Signaturen im Versicherungsgeschäft, danach erfahren wir von dir, Uğur, wie ihr bei Helvetia E-Signaturen und Skribble einsetzt – und zum Schluss eine Frage-und-Antwort-Sektion. Antonio von Skribble moderiert den Chat: Stellt eure Fragen gerne schriftlich in die Kommentare, wir gehen dann darauf ein.

Dein offizieller Titel ist Product Owner eSignature bei Helvetia. Ich habe aber gehört, man nennt dich intern auch «Mr. eSignature». Erzähl doch mal, was du machst – und gerne auch etwas über Helvetia.

Uğur Demirci: Hallo auch von meiner Seite, vielen Dank, Roni, dass ich dabei sein darf. Ich bin seit mittlerweile sieben Jahren bei der Helvetia tätig. Man nennt mich «Mr. eSignature», aber ich bin nicht allein dafür verantwortlich – da gibt es viele Personen im Hinter- und Vordergrund, die dafür gesorgt haben, dass wir als Helvetia so weit gekommen sind. Helvetia ist seit mehr als 180 Jahren im Versicherungsgeschäft, eine europäische Versicherung mit verschiedenen Standorten, und im Bereich eSignature sind wir seit knapp sechs Jahren unterwegs.

Roni Oeschger: 180 Jahre – so lange gibt es Skribble noch nicht ganz. Aber wenn wir schon über Jahre sprechen: Wann hattest du das erste Mal mit der digitalen Signatur zu tun?

Uğur Demirci: Das war 2018. Andere Personen hatten den Grundstein gelegt. Im Bereich Specialty Markets nutzten Kollegen bereits einen SwissSign-Dongle im internationalen Geschäft. Wir hatten dann die Aufgabe – ich war im Frontend-Programm tätig, wo alles Kundenseitige weiterentwickelt wird –, das Thema genauer zu betrachten. Der Kollege, der mir das damals vorgestellt hat, ist inzwischen in Rente und sagte immer: «Nie wieder Drucker.» Da haben die Kollegen den Grundstein geschaffen, dass wir dann die verschiedenen Use Cases mit euch gemeinsam realisieren konnten.

Warum E-Signatur in der Versicherungsbranche?

Roni Oeschger: Ihr wart also früh dabei und habt Pionierarbeit geleistet. Heute werden meiner Meinung nach nach wie vor viele Verträge von Hand unterzeichnet, auch in der Versicherungsbranche: Versicherungsverträge, Unfallberichte, Policen, HR-Dokumente. Dieses Bild suggeriert etwas Romantisches – die Realität sieht eher anders aus. Wenn wir einen Vertrag von Hand signieren müssen, ist das frustrierend, ineffizient, mühsam und teuer. Man muss mit Druckern umgehen, mit denen man selten umgeht, und garantiert ist ein Papierstau da. Das ist übrigens die Claudia auf der linken Seite, die sehr frustriert ausschaut.

Wenn ich mit Vertreterinnen und Vertretern von Schweizer Unternehmen und der Versicherungsbranche spreche, höre ich immer dieselben Themen: operative Effizienz, intern wie extern, und damit die Modernisierung und digitale Transformation. Gleichzeitig will und muss man Legal Compliance einhalten – die Versicherungsbranche ist hochreguliert. Beim Thema Talente wird Hybrid Work erwartet, das muss man ermöglichen. Und schliesslich ist Nachhaltigkeit wichtig, man setzt sich Ziele. Das Schöne an der E-Signatur: Sie ist eine Antwort auf jeden einzelnen dieser Punkte.

Der kleine Hebel mit grosser Wirkung

Roni Oeschger: E-Signaturen lassen sich relativ einfach einführen – ein kleiner Hebel mit grosser Wirkung. Mit einer elektronischen Signatur ist man rund zehnmal schneller als auf dem handschriftlichen Weg. Gemeint ist nicht die Zeit bis zur Signatur, sondern die Arbeitszeit, die man ins Einholen steckt: Ein meist schon digital vorhandenes Dokument über eine Plattform wie Skribble zur Signatur zu versenden, dauert drei Minuten statt der 30 Minuten mit Ausdrucken, ins Couvert legen, zur Post bringen. Den Postweg selbst hat man da noch gar nicht eingerechnet – der macht aus Minuten schnell Tage.

Das führt zu einer Kosteneinsparung von rund 90 Prozent gegenüber der handschriftlichen Signatur. Versand- und Materialkosten sind der kleinste Teil – der grosse Teil kommt aus dem eingesparten Arbeitsaufwand. Und das elektronische Signieren ist 50-mal nachhaltiger als das Signieren von Hand: einerseits wegen des hohen CO₂-Ausstosses der Papierproduktion, andererseits wegen des physischen Transports.

Die drei Signaturstandards und zwei Rechtsräume

Roni Oeschger: Trotzdem sind elektronische Signaturen 100 Prozent rechtsgültig. In Europa gibt es die einfache, die fortgeschrittene und die qualifizierte elektronische Signatur. Diese drei Standards haben unterschiedliche Beweiskraft, und die qualifizierte elektronische Signatur ist der handschriftlichen von Gesetzes wegen gleichgestellt. Jeden Vertrag, den man von Hand unterzeichnen kann, kann man auch mit der QES unterzeichnen – voll rechtsgültig. Viele Verträge haben kein Schriftformerfordernis, da kann man auch einen der tieferen Standards wählen.

Es gibt zwei Rechtsräume: den europaweiten eIDAS und den Schweizer ZertES. Skribble bedient beide, mit Fokus auf die Schweiz und den DACH-Raum. Wir haben in der Schweiz gegründet, bald vor sieben Jahren, und setzen Security sehr hoch: Unser Datenschutz erfüllt das Schweizer Datenschutzgesetz und die europäische DSGVO. Unser Hosting liegt in Schweizer Rechenzentren – keine amerikanischen Hyperscaler wie Amazon, Google oder Microsoft, sondern lokale Data Center. Es fliessen keine Daten ausserhalb der Schweiz. Zudem sind wir nach ISO 9001 und ISO 27001 zertifiziert. Und E-Signaturen sind ortsunabhängig: ob im Büro, im Homeoffice, im Café oder – mit Glück – am Strand.

Skribble im Überblick

Roni Oeschger: Wir haben 2018 gegründet, nächsten Monat feiern wir unser siebenjähriges Jubiläum. In dieser Zeit haben wir über 160'000 aktive Nutzende auf die Plattform gebracht, die gemeinsam bereits über 5 Millionen Signaturen gemacht haben. Und was mich besonders freut: Wir dürfen so bekannte Namen wie die Helvetia zu unseren Kunden zählen, aber auch die Mobiliar, die CSS, viele weitere Versicherungen und Firmen aus anderen Branchen.

Live-Demo: In wenigen Klicks signieren

Roni Oeschger: Für alle, die es live sehen wollen, teile ich meinen Skribble-Account. Skribble ist sehr einfach gehalten – Simplicity ist einer unserer Werte. Wir konkurrieren letztlich mit der handschriftlichen Signatur, und die Usability von Stift auf Papier ist sehr gut. Für die Adoption innerhalb einer Firma muss die Bedienung genauso einfach sein.

Ich lade ein PDF von meinem Computer hoch. Es wird im Hintergrund auf Malware geprüft und geschaut, ob bereits Signaturen enthalten sind. Alles gut. Auf dem nächsten Screen sieht man die drei Standards: die einfache, die fortgeschrittene und die qualifizierte elektronische Signatur – bei der QES wählt man zwischen eIDAS (EU) und ZertES (Schweiz). Der Einfachheit halber nehme ich die einfache Signatur und signiere allein.

Ich bin bereits im Viewer, kann den Vertrag durchlesen und meine visuelle Signatur per Drag-and-drop platzieren. Wichtig: Die visuelle Signatur hat keinerlei Rechtsgültigkeit – das ist ein visuelles Element. Die Rechtsgültigkeit kommt von den Zertifikaten, die im Hintergrund im Dokument abgelegt werden. Ich klicke auf «Jetzt signieren». Weil ich eingeloggt bin, kennt mich das System; meine E-Mail-Adresse dient als Identifikationsfaktor – und das Dokument ist signiert. Es sieht gleich aus wie vorher, nur mit der visuellen Signatur. Lade ich es als PDF herunter, ist die elektronische Signatur im Hintergrund im Dokument abgelegt.

Die eSignature-Journey der Helvetia

Uğur Demirci: Gerne. Hier die Übersicht aller Use Cases, die wir realisiert haben. Beginnen wir links: Im Mai 2020 haben wir das erste Produkt live geschaltet – eine Kontoeröffnung bei der Freizügigkeitsstiftung Swisscanto, mit der fortgeschrittenen Signatur. Das war unser erster gemeinsamer Case. Eigentlich wollten wir einen anderen realisieren, konnten das aber wegen Ressourcenengpässen nicht – wir hatten den Anspruch, dass das Kundenerlebnis wie aus einem Guss kommt. Also haben wir so ressourcenarm wie möglich gestartet: Bei der Kontoeröffnung springt man auf die Skribble-Seiten und wieder zurück auf die Swisscanto-Seite.

Es hat uns überrascht, wie positiv das ankam. Damals gab es Aussagen wie «Das machen nur die ganz Jungen» – wir hatten den Gegenbeweis: In jedem Alter gibt es Personen, denen Zeit wichtig ist und die so etwas nutzen. Genau genommen ging es nicht um die Kontoeröffnung an sich, sondern um die E-Mail-Einverständniserklärung – die goldene Mitte für einen ersten Versuch mit der fortgeschrittenen Signatur.

Im zweiten Schritt haben wir im Einzelleben, also in der privaten Vorsorge, unseren ersten Case mit Siegel realisiert – eine einfache Signatur bei einem Säule-3a-Risikoprodukt. Dort haben wir erstmals das Handzeichen eingeführt. Im Versicherungsgeschäft ist das Papier das Produkt, das wir verkaufen – eigentlich verkaufen wir Vertrauen. Deshalb ist das Handzeichen für uns relevant, das der Kunde und unser Berater machen.

Danach sind wir in die Geschäfte gegangen, in denen wir eine Identifikation nach Geldwäschereigesetz durchführen müssen – seit November 2021, mit der qualifizierten Signatur. In der privaten Vorsorge bräuchte man die QES eigentlich nicht, aber sie hilft im Fall der Fälle beim Beweisen. Und da wir ohnehin eine Identifikation nach GWG machen, haben wir daraus gleich eine QES gemacht.

Eigene Plattform, Validator und Vor-Ort-Identifikation

Uğur Demirci: Den Vertrag mit euch haben wir im Dezember 2019 abgeschlossen. 2021 sind dann die Kolleginnen und Kollegen von Specialty Markets, die den SwissSign-Dongle etabliert hatten, ebenfalls auf Skribble gewechselt – wegen der einfachen, intuitiven Oberfläche. Dort kann jeder Helvetia-Mitarbeitende das Produkt bestellen, in allen drei Stufen: einfach, fortgeschritten und qualifiziert.

Aus den ersten drei Blöcken haben wir dann ein eigenes Produkt gemacht, das wir «eSignature» nennen. Wir glauben an End-to-End-Prozesse – nicht nur ein Teilspektrum, sondern Validierung, Identifikation und Signatur. Auf dieser Plattform bieten wir alle drei Möglichkeiten an.

In unseren Kundendiensten sehen wir immer mehr Dokumente aus verschiedenen Lösungen weltweit, und unsere Mitarbeitenden können nicht direkt erkennen, welche Signaturstufe für welchen Rechtsraum vorliegt. Deshalb haben wir mit euch den Validator eingeführt: Man lädt ein Dokument hoch und sieht, welche Stufe vorhanden ist. Wer keine richtige Unterschrift geleistet hat, kann so über unser Produkt – unter der Motorhaube mit Skribble – die Vertragspartner einladen, eine Unterschrift zu leisten, die compliant ist und eine Änderungsnachverfolgung gewährleistet.

Ganz neu haben wir ein Team von Agents: Wir sind insgesamt sieben Agents an verschiedenen Helvetia-Standorten in der Schweiz. Dort kann jeder Mitarbeitende einen Termin buchen und eine Vor-Ort-Identifikation mit der Swisscom RA Agency App durchführen.

Roni Oeschger: Das ist super spannend. Ihr habt viele Teile der Journey mitgemacht, Pionierarbeit geleistet – und euch tief über unsere API integriert. Skribble hat nicht nur das Frontend, das man direkt nutzen kann, sondern auch die Möglichkeit, spezifische Prozesse zu automatisieren. Und ihr habt neuere Produkte wie den Validator drin. Gegenüber der handschriftlichen Signatur überprüft man oft gar nicht, ob die Zeichnung auf dem Blatt wirklich von der Person stammt – in der elektronischen Welt kann und macht man das.

Herausforderungen auf dem Weg

Uğur Demirci: Der erste Punkt ist die Auswahl des eSignature-Standards. Legal-seitig möchte man natürlich die qualifizierte Signatur, damit man vor Gericht ohne Probleme dasteht. Als Normal- oder Fachanwender möchte man die einfachste Variante. Das ist ein Zielkonflikt, den man lösen muss. Bei uns war das eine grosse Herausforderung, die wir so gelöst haben, dass wir das Risiko berechnet haben: wie viele Gerichtsfälle es gibt, welcher finanzielle Schaden entstehen kann. So konnten wir uns auf niedrigere Standards als die QES einigen.

Der zweite Punkt ist die Identifikation nach Geldwäschereigesetz. Es war eine sehr grosse Herausforderung, die Identifikation kundenfreundlich «on the fly» im Prozess zu realisieren. Mit verschiedenen Partnern haben wir eine gute Lösung hinbekommen.

Der dritte Punkt ist der Return on Invest. Es geht nicht darum, mit weniger Aufwand weniger Leute zu brauchen, sondern in der verfügbaren Zeit mehr abzuwickeln – mehr Geschäftsvolumen, mehr Kundenanliegen, mehr Verträge. Dazu kommt die Bekanntheit der elektronischen Signatur: Viele sind Laien und kennen die Unterschiede zwischen einfach, fortgeschritten und qualifiziert nicht. Deshalb sind visuelle Elemente auf den Dokumenten wichtig. Und schliesslich ist Change Management eine Herausforderung: Wenn Automatismen schon gut laufen, gibt es oft wenig Bedarf, etwas zu verändern.

Lessons Learned aus sieben Jahren eSignature

Uğur Demirci: Als Erstes: Marketing ist sehr relevant, intern wie extern. Diese Veranstaltung ist für uns externes Marketing – im Vorfeld haben sich aber viele Helvetia-Kolleginnen bei mir gemeldet, die nun ebenfalls Prozesse elektronisch abwickeln wollen. Wenn wir intern und extern zeigen, was wir erreicht haben, entsteht bei den Mitarbeitenden das Bedürfnis: «Das gibt es ja, das würde mein Leben vereinfachen.» Daraus entstehen weitere Projekte.

Stakeholder-Management ist ebenfalls wichtig. Wir haben günstige Merchandising-Artikel bestellt – zum Beispiel eine personalisierte Tasse mit dem Namen der Person und dem Text «Roni signiert online». Damit hatten wir psychologisch einen Vorteil bei allen Beteiligten. Wir haben zudem Entscheidungsträger befähigt, qualifiziert zu signieren: Unsere Geschäftsleitung in der Schweiz ist auf der höchsten Stufe identifiziert und nutzt die QES selbst. Wenn man über etwas spricht, mit dem man selbst Erfahrung hat, ist die erste Hürde eliminiert.

Und integrierte Prozesse: Unser Anspruch ist, gute Kundenprozesse zu haben – Kunden-Convenience, geführte Prozesse. In den sieben Jahren, in denen wir am Thema dran sind, konnten wir für die Firma echten Impact generieren.

Roni Oeschger: Sehr schön. Die erfolgreichsten Cases, die am besten skalieren, sind die, wo man sich etwas aussucht, es konsequent einführt, überprüft, wo es noch Reibungspunkte gibt, lernt und dann ausweitet – auf andere Use Cases und Departments. Der agile Ansatz hilft definitiv. Wer alles im Big Bang ausrollen will, scheitert meist am Change Management.

Uğur Demirci: Genau. Das sehen wir an den Stückzahlen: Es wächst nach und nach, nicht als Big Bang, so hat die Organisation Zeit, sich einzustellen – auch bei Support- und Beratungsleistungen.

Digital inklusiv bleiben: der Papierweg als Notfall

Uğur Demirci: Ein wichtiger Punkt ist, den Papierweg als Notfall aktiv zu lassen. Manchmal ist das Internet nicht verfügbar oder der Strom fällt aus – kürzlich etwa in Santiago de Chile in der ganzen Stadt. Man braucht einen Notfallplan, deshalb haben wir in unseren Prozessen den Papierweg immer aktiv gelassen.

Roni Oeschger: Das finde ich sehr schön. Auch stärker digitalisierte Länder wie Dänemark, das eine sehr grosse Verbreitung einer eID in der Bevölkerung hat, sehen in einer eigenen Studie bis zu 20 Prozent der Bevölkerung als «digitally vulnerable» – Personen, die nicht auf den digitalen Weg umstellen können oder wollen, sei es, weil sie die Geräte nicht haben oder weil Einschränkungen das nicht ermöglichen. Das sollte man immer offenlassen.

Uğur Demirci: Vor der Pandemie hat man sich nur nebenbei mit dem Thema beschäftigt – die Pandemie hat gezeigt, dass man einen digitalen Prozess braucht. Und trotzdem, wie du sagst, den Papierweg als Notfallweg. Unsere Prozesse haben eine Feedback-Möglichkeit. Es gibt auch negatives Feedback, aber 85 bis 90 Prozent der Personen sind froh, dass sie diese Prozesse haben.

Der ROI bei Helvetia: die Zahlen

Roni Oeschger: Wir bei Skribble haben seit Kurzem einen Return-on-Invest-Rechner, den ich mit euren Daten gefüttert habe. Ihr habt in den letzten zwölf Monaten rund 62'000 Signaturen über Skribble gemacht, im Schnitt zwei Signaturen pro Dokument und fünf Seiten pro Dokument.

Damit kommt man auf eine stattliche Summe von über einer Million Franken, die ihr dank der Digitalisierung eingespart habt – basierend auf rund 34 Franken Einsparung pro Dokument gegenüber der handschriftlichen Unterschrift. Das kommt hauptsächlich aus der Zeitersparnis: 27 Minuten manuelle Arbeit pro Dokument, hochgerechnet 1'743 Arbeitstage.

In eurem Bereich liegt die Einsparung vermutlich höher als diese 34 Franken – etwa wenn ein Kundenberater vor Ort geht, um die Unterschrift abzuholen und die Identifikation nach GWG zu machen. Die 34 Franken sind ein Durchschnitt über alle unsere Kunden.

Beeindruckend: 310'000 Blatt Papier wurden nicht gedruckt. Eure Türme sind rund 45 Meter hoch – ihr habt in zwölf Monaten bereits einen Stapel gemacht, der fast so weit reicht. Nähme man alle Dokumente seit Beginn eurer Zusammenarbeit mit uns, könnte man beide Türme aufeinanderstapeln. Und beim Umweltaspekt: fast 1,5 Tonnen CO₂ eingespart, allein aus dem CO₂-Ausstoss der Papierproduktion. Das entspricht etwa der Aufnahmekapazität von 74 Bäumen – ein kleiner Wald. Der Transportweg ist dabei noch gar nicht eingerechnet.

Uğur Demirci: Und das nur in zwölf Monaten, das muss man dazu sagen.

Roni Oeschger: Genau. Wenn wir das schweizweit konsequenter machen würden, ist unglaublich, wie viel Potenzial hier brachliegt.

Fragen und Antworten aus dem Webinar

Was bedeutet «100 Prozent rechtsgültig»? Gibt es gar keine Einschränkungen bei der qualifizierten Signatur, auch bei Rechtsöffnungen nicht?

Roni Oeschger: Es gibt fast keine Einschränkungen. Bei gewissen Dokumenten ist die digitale Form aber ausgeschlossen – etwa das Testament. Das muss man ganzheitlich von Hand erfassen, damit sichergestellt ist, dass die verfassende Person im entsprechenden geistigen Zustand war und es wirklich ihr Wille ist. Wenn ein Dokument handschriftlich erfasst sein muss, geht die QES nicht. Ob das bei der Rechtsöffnung so ist, weiss ich ehrlich gesagt nicht auswendig – das ist aber gesetzlich definiert und lässt sich herausfinden. In den allermeisten Fällen mit Schriftformerfordernis kann man die QES wählen.

Wozu braucht es die einfache oder fortgeschrittene Signatur, wenn nur die QES der handschriftlichen gleichgestellt ist?

Roni Oeschger: Als wir Skribble vor sieben Jahren gegründet haben, dachten wir genau das: Wir nehmen nur die QES – wer braucht etwas anderes? Wir haben die anderen Standards aus zwei Gründen hinzugenommen. Erstens erfordert die QES eine starke Identifizierung, bevor man sie tätigen kann. Ist man nicht schon identifiziert, ist dieser Schritt zeitaufwendiger und teurer als die eigentliche Unterschrift – ein echter Hinderungsgrund in Use Cases, in denen das Gesetz die QES nicht vorschreibt. Zweitens die Beweiskraft: Die einfache Signatur nutzt die E-Mail-Adresse als Identifikation. Weiss man, dass ich mit roni@skribble.com signiert habe, ist klar, dass ich das bin. Bei einer anonymen Gmail-Adresse ist das schwieriger – es gibt aber weitere Eckdaten wie IP-Adresse und Zeitpunkt. Bei der fortgeschrittenen Signatur senden wir eine TAN an eine Mobilnummer, und in der Schweiz liegen hinter jedem Mobilvertrag Identitätsdaten – die Beweiskraft steigt. Bei der QES kommt eine Multi-Faktor-Authentifizierung hinzu, die beim Identifizieren mit der Identität verknüpft wurde. Entsprechend gibt es auch einen Preisunterschied: einfach günstiger als fortgeschritten, fortgeschritten günstiger als qualifiziert.

Meine Vermutung für die Zukunft: Die fortgeschrittene Signatur hat ein Ablaufdatum – nämlich dann, wenn die Schweizer eID und ihr europäisches Pendant flächendeckend ausgerollt sind. Dann kann man mit QES signieren, ohne sich nochmals identifizieren zu müssen, weil die Identifikation beim Ausstellen der eID passiert. In Ländern mit staatlicher eID sehen wir bereits eine massive Zunahme elektronischer Signaturen. Die einfache Signatur bleibt, weil sie so einfach ist – für interne Dokumente reicht sie völlig aus.

Uğur Demirci: Ein Punkt noch: Früher hat man seine Unterschrift auf Papier gemacht, in ein Word-Dokument kopiert und gesagt, das sei elektronisch signiert. Der Vorteil einer einfachen Signatur ist, dass eine Veränderung am Dokument sofort sichtbar ist. Bei der kopierten Unterschrift ist die Veränderungsrückverfolgung nicht mehr gewährleistet.

Können je nach Prozess unterschiedliche Stufen verwendet werden? Nutzt man mehrere Arten in einem Betrieb oder entscheidet man sich für eine?

Roni Oeschger: Je nach Prozess, Vertragsart, Risiko und rechtlichen Grundlagen werden unterschiedliche Standards genutzt – wie bei Helvetia.

Uğur Demirci: Genau. Je nach Use Case und Risiko braucht man Legal-Unterstützung und legt mit den Risiko-Nehmern gemeinsam einen Standard fest. Ist er gesetzlich vorgeschrieben, gibt es keine Diskussion.

Wie stellt man sicher, dass die Identifikation kundenseitig klappt – auch bei geringer Digital-Affinität?

Roni Oeschger: Die Identifikation ist die grösste Hürde beim Signieren mit der QES. Der Fall Helvetia ist schön: Man kann Kunden befähigen, die Face-to-Face-Identifikation selbst zu machen – das funktioniert gut, weil man die menschliche Interaktion hat. Die Verfahren über Distanz – Video und Self-Ident – werden immer besser; die neuesten erfordern keine App-Installation mehr, sondern laufen komplett im Browser. Und wenn die eID da ist, ist das Thema hoffentlich gelöst.

Uğur Demirci: Wir haben auch die Remote-Ident im Einsatz. Man muss sehen: Was ist die Alternative? Ein Face-to-Face-Treffen, mit dem Auto irgendwo hinfahren, vielleicht den Zug verpassen. Die Zeit, die man mit der Remote-Identifikation gewinnt, gleicht die Hürde mehr als aus.

Roni Oeschger: Damit sind wir leider schon am Ende unserer Zeit. Offene Fragen im Chat beantworten wir in den nächsten Tagen per E-Mail. Wer mehr über E-Signaturen und Skribble erfahren möchte, ist eingeladen, uns auf LinkedIn zu folgen oder unseren Blog auf skribble.com zu lesen. Herzlichen Dank, Uğur – «Mr. eSignature» ist gerechtfertigt.

Uğur Demirci: Gerne. Tschüss.

Das Transkript endet hier.

Über Uğur Demirci

Uğur Demirci ist Product Owner eSignature bei der Helvetia – intern auch «Mr. eSignature» genannt. Seit sieben Jahren treibt er bei der Versicherung die elektronische Signatur voran: von den ersten Use Cases 2020 über die qualifizierte elektronische Signatur bis zu einer eigenen End-to-End-Plattform mit Validierung, Identifikation und Signatur. Als einer der Pioniere in der Schweizer Versicherungsbranche kennt er die Herausforderungen aus der Praxis – von der Wahl des richtigen Signaturstandards über die Identifikation nach Geldwäschereigesetz bis zum Change Management.

Über Roni Oeschger

Roni Oeschger ist Mitgründer und CEO von Skribble, dem europäischen E-Signatur-Service mit Fokus auf die Schweiz und den DACH-Raum. Er hat Skribble 2018 mitgegründet, mit dem Anspruch, das rechtsgültige elektronische Signieren so einfach zu machen wie eine Unterschrift auf Papier. In diesem Webinar ordnet er die drei Signaturstandards und die beiden Rechtsräume (eIDAS und ZertES) ein, zeigt die Skribble-Plattform live und rechnet den konkreten Nutzen für die Helvetia vor.

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